Meine Zeitreise mit Techno

Mit Musik kann ich immer eine Zeitreise machen. CD einlegen, Boxen aufdrehen, Bass Boost aktivieren, Augen schliessen und ab gehts: 160 beats per minute hämmern einen Riss in das Raum-Zeit Kontinuum, der immer grösser wird bis ich schliesslich den richtigen Moment in den 90er Jahre erreiche.

Der Anfang

Space Frog - Time Slip

Ich sitze auf einem alten Ledersofa und beobachte meinen Freund, wie er einen kleinen Stapel Platten aus einer Plastiktüte zieht. Meine Augen gleiten zum Verstärker. Die Pegel schlagen rot aus und das Sofa vibriert. Irgendwo in meinem Gehirn wird ein Schalter umgelegt. Ich grinse, wippe mit dem Kopf und kann keine klaren Worte formen.

Er erzählt mir etwas über die Platten in seiner Hand. Aber mein Gehirn kann das nicht verarbeiten. Ich bin überschwemmt von Glückshormonen, die 150 Mal pro Minute vom Bassdrum in mein Blut gepumpt werden.

Ich bekomme einen Kaffeebecher in die Hand gedrückt. Eine gute Ladung Saurer Apfel füllt den Becher und bald auch meinen Mund. Ich blicke auf, er steht hinter dem Mischpult und das trockene Bassdrum knallt mir entgegen.

Er sagt, man braucht hier kein Staub wischen, weil der Bass den Staub wegpustet. Ich bin nicht sicher, aber ich glaube ich sehe Staubflocken zwischen den blauen, roten und gelben Lichtern die den Raum fluten. Die kleine Lichtanlage in der Ecke des Zimmers hatte ich vorher nicht bemerkt.

Er grinst, schiebt den Kopfhörer ans linke Ohr und dreht die Platte auf dem zweiten Plattenspieler etwas schneller. Ich schliesse die Augen und sehe trotzdem noch Blitze der Lichtshow. Das Sofa vibriert im Takt, die Welt schmeckt nach Saurem Apfel und ich will nicht mehr aufstehen.

Der Rave

Jones & Stephenson - The First Rebirth

Ich kann den Geruch fast schmecken: Vanille vom Dampf der Nebelmaschine, kalter Rauch von all den Zigaretten um mich herum und dazu Salz vom eigenen Schweiss. Kurz bevor das Bassdrum startet breite ich die Arme aus. Dabei blicke ich in die verzückten und verschwitzen Gesichter meiner Freunde.

Das Bassdrum setzt ein und hämmert das nassgeschwitze T-Shirt an meine Brust. Das Strobo taucht die Welt um mich herum in weisse Lichtstösse. 160 Mal pro Sekunde blitzt das Universum weiss um mich herum auf. Die Welt besteht aus Roboter-haften Gestalten, die in Ekstase tanzen.

Wir sind sind eins mit der Musik. Obwohl jeder für sich allein tanzt, tanzen wir zusammen. Wir feiern das Leben und wir feiern den Moment. Gemeinsam schreien zum Gott hinter dem Mischpult. Es ist eine Welt aus Schweiss, Bassdrums und purer Extase.

Die Bassdrums werden von einer Piano-Melodie unterbrochen. Jemand drückt mir ein Bier in Hand, jemand gibt mir beim Vorbeigleiten einen Kuss, jemand wirft die Haare zurück und Schweisstropfen platschen auf mein Gesicht. Trommelwirbel und ein letztes Aufbäumen der Melodie kündigen die nächste Welle hämmernder Bassdrums an.

Ich merke wie eine Freudenträne die Wange herunter rinnt. Das spielt keine Rolle, denn die Tränen stammen aus 2026. Ich bleibe noch Weile in 1994, wo Trauer und Wehmut nicht existieren. Lichter zucken, Bässe hämmern und die Welt schmeckt nach Vanille, Salz und Rauch.

Das Schwimmbad

Jam & Spoon - Right In The Night

Ich liege auf dem Rücken. Es riecht nach Sonnencreme, verschütteter Cola und Chlor. Jemand liegt gemütlich mit dem Kopf auf meinem Bauch. Die Haare sind lang, braun und immer noch nass. Mein linker Kopfhörer ist zwischen ihren Haaren verschwunden.

Ihre Hände fangen an vor ihrem Gesicht zu tanzen. Es fehlen ihr eigentlich nur noch die weissen Handschuhe. Ihr Kopf wiegt sich sich leicht zur Melodie. Mit wunderschöner Stimme beginnt sie die Melodie mitzusingen: Fall in love with music, fall in love with dance, fall in love with anything that makes you want romance

Ihre Freundin legt sich dazu und will meinen anderen Kopfhörer. Eine singt, die andere summt und bei beiden wippen die Körper zum Beat. Den Beat, den ich unzählige Male schon durch diese Kopfhörer gehört habe.

Natürlich werde ich beiden eine Kopie vom diesem Mix-Tape machen. Und ja, ich werde auch ein cooles Cover in die Kassette einkleben und die Track Liste von Hand schreiben.

Ich schlappe zum Schwimmbecken und summe vor mich hin: Fall in love with music …

Ich kann sie immer noch singen hören.

Gedanken zum Schluss

Wir machen heute unendlich viele Bilder und Videos von den Orten, die wir besuchen und den Momenten die wir für wichtig halten. Damit fangen wir aber nur einen Schatten der Erlebnisse ein. Und diese Schatten hüten wir zu tausenden auf unseren Telefonen.

Aber Abrufen können wir die Gefühle, die diese Momente erzeugt haben, in der Regel nicht. Schlimmer noch, bei vielen alten Bildern haben wir das Gefühl in das Leben einer fremden Person zu blicken.

Steve Mason Live, 2023 Weltspiele Hannover

Die wichtigen Momente im Leben brauchen für mich keine Bilder oder Videos. Sie brennen sich durch Geräusche, Gerüche oder Geschmack ein. Und Jahre später kann das richtige Geräusch, in meinem Fall ein bestimmter Techno Track, einen Moment aus der Vergangenheit reaktivieren.